Zwischen 30 und 40 % aller Diabetiker werden früher oder später mit einer sexuellen Fehlfunktion konfrontiert. Welche sexuellen Fehlfunktionen können auftreten, wie häufig kommen sie vor und was kann man dagegen tun?
Es gibt zahlreiche Missverständnisse in Bezug auf Diabetes und Sexualität, die recht unterschiedlich sind. So gibt es z.B. Personen, die der Meinung sind, dass Diabetes automatisch zu Impotenz führt. Andere wiederum meinen, dass es so schlimm nicht werden wird. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Weltweit wurden viele Untersuchungen zum Einfluss von Diabetes auf sexuelle Funktionen durchgeführt. Die Ergebnisse sind nicht immer eindeutig. Im Allgemeinen kann man sagen, dass zwischen 30 und 40 % aller Personen, die an Diabetes leiden, früher oder später mit einer sexuellen Fehlfunktion konfrontiert werden. Männer mit Diabetes (vor allem ältere Männer mit Typ-2-Diabetes) haben ein erhöhtes Risiko auf Erektionsstörungen. In vielen Fällen helfen ihnen erektionsfördernde Mittel, wie Viagra oder Cialis. Etwa ein Drittel der männlichen Diabetiker leidet an einer Erektionsstörung, weil bei Diabetikern die Blutzufuhr häufig nicht wie gewünscht verläuft.
Während die eine Erektionstablette etwa sechs Stunden wirkt (Viagra), wirkt die andere etwa 36 Stunden (Cialis). Das heißt übrigens nicht, dass während dieser gesamten Zeit eine Erektion vorliegt. Diese entsteht erst bei sexueller Erregung. Aus einer amerikanischen Untersuchung ging hervor, dass Viagra bei gut eingestellten Diabetikern besser wirkt. Bei Männern mit einem HbA1c-Wert von über 9 % wirkt Viagra bei 44 % der Männer. Bei einem HbA1c-Wert unter 9 % war Viagra bei 63 % der Männer erfolgreich.
HbA1c ist eine Blutmessung, die dem Durchschnitt der Blutglucosewerte der letzten sechs Wochen entspricht.
Männer mit Diabetes leiden außerdem häufiger an hohem Blutdruck. Viele der Arzneimittel, die zur Behandlung von Bluthochdruck verwendet werden, können Erektionsstörungen verursachen. Diabetes kann die Nerven, das Erektionsgewebe und die kleinen Blutgefäße im Penis beschädigen.
Die Beschädigung der Nerven kann dazu führen, dass der Penis weniger empfindlich ist und dass weniger Signale aus dem Gehirn ihn erreichen (Neuropathie). Dadurch ist es schwieriger, eine Erektion zu bekommen und zu behalten. Die Beschädigung des Erektionsgewebes verhindert, dass sich die Muskelfasern im Penis ausreichend entspannen können, so dass sich der Penis während der Erektion nicht mit Blut füllen kann. Die Beschädigung der Blutgefäße verhindert auch, dass sich das Erektionsgewebe mit Blut füllt.
Viagra und jüngere Männer.
Die Forscher vermuten, dass das Einnehmen dieser Mittel durch jüngere Männer mit dem rekreativen Gebrauch zusammenhängt. Das ist eigentlich schon seit längerer Zeit aus den Untersuchungen, die im Nachtleben durchgeführt wurden, klar. Daneben besteht der Mythos, dass die Zeit, in der ein Mann erneut eine Erektion bekommen kann, durch den Gebrauch von Viagra halbiert wird, wodurch er einen besseren Eindruck macht. Auch bei der Sexualität geht es nämlich in zunehmendem Maße um Leistungen. Die Vermutung, dass der Gebrauch durch jüngere Männer um ein Vielfaches größer ist als die Untersuchung aufweist, ist daher nicht unsinnig.
Viagra und Multiple Sklerose
Experimente mit Tieren zeigen, dass Viagra die Symptome von Multiple Sklerose verringert. Unklar ist, ob das auch für Menschen gilt.
Die Forscher sammelten mehrere Tiere, die erst seit kurzer Zeit MS hatten, und verabreichten diesen Viagra. Nachdem diese acht Tage mit dem Mittel behandelt worden waren, wiesen fünfzig Prozent der Tiere überhaupt keine Symptome mehr auf. Bei den anderen Tieren waren die Symptome erheblich zurückgegangen.
Die Wissenschaftler haben auch feststellen können, wie das kommt. MS wird durch Schädigungen der Ausläufer von Nervenzellen verursacht. Dadurch können Nervenzellen weniger gut kommunizieren. Durch das Viagra konnten die Zellen, die die Nerven angreifen, nicht so gut zu den Nervenzellen vordringen, so dass diese auch weniger schwer geschädigt wurden.
Die Forscher hoffen, durch Untersuchungen schnell feststellen zu können, ob auch Menschen mit MS Nutzen von Viagra haben können. Grundsätzlich dürfte es nicht all zu lange dauern, bevor eine solche klinische Untersuchung beginnen kann. Viagra wird nämlich von vielen MS-Patienten bereits verwendet, weil diese aufgrund ihrer Erkrankung unter Erektionsstörungen leiden.
Die Untersuchung wurde mit Ratten durchgeführt, die nicht wirklich an MS litten, sondern an einer eng damit verbundenen Krankheit. Grund genug also, um vorsichtig zu sein. Nach acht Tagen der Behandlung mit Viagra war jedoch die Hälfte der Versuchstiere praktisch geheilt. Ein Versuch mit echten Patienten ist jetzt bereits in Vorbereitung.
Dass Sildenafil hier heilsam wirken kann, ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Stoff sorgt in erster Linie für eine Weitung der Blutgefäße (und kann dadurch für eine Erektion sorgen). Seit kurzem wurde jedoch auch eine stimulierende Wirkung auf die Genesung geschädigter Nerven festgestellt. Die Forscher in Barcelona hatten zuvor festgestellt, dass Sildenafil eine heilsame Wirkung bei Gehirnschädigungen hat. Andere Gruppen untersuchen momentan die Wirkung bei der Genesung nach einem Herzinfarkt und bei Alzheimer. Multiple Sklerose wäre jedoch ein wirklicher Durchbruch. MS ist eine „neurodegenerative“ Krankheit, bei der Nervenbahnen ausfallen, da diese ihre schützende Hülle verlieren. Es gibt momentan kein Arzneimittel dagegen, sondern nur Mittel, die die Progression von MS verzögern.